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30. Etappe:
von „El Acebo“ nach „Cacabelos“ 31 km
Donnerstag, den 02.10.2008

 El Acebo morgens 07,30 Uhr

Um 07.45 Uhr ist heute Abmarsch, in „El Acebo“. Es ist noch dunkel und wieder eisig kalt. Am Ende des Dorfes, komme ich an einem Denkmal vorbei. Es ist einem Radfahrer gewidmet, der hier verunglückte.

Hinter mir geht nun schon langsam die Sonne auf und ich sehe, im ihrem roten Licht, die Radarantenne, auf 1.504 m Höhe, an der ich bereits gestern vorbei gewandert bin. Der Weg geht jetzt weiter abwärts, nach „Rigo de Ambros“. Um 08.25 Uhr habe ich den Ort erreicht und wandere still hindurch. Es ist ein lang gezogener Ort, der fast nur aus einer Straße besteht. Der Weg führt mich auch hier an uralten, halb zerfallenen Häusern vorbei. Man kann kaum glauben, dass darin noch Menschen wohnen.

Es gibt aber auch einige neue Häuser und welche, die sehr schön renoviert wurden. Ich gehe weiter, die Hauptstraße hinunter. In der Mitte des Dorfes schwenkt der Weg nach rechts ab, in eine Strasse, die nach dem letzten Haus, in einen engen, aber schönen Bergpfad mündet. Er geht jetzt sehr steil nach unten, über große Felssteinplatten. Bei starkem Regen, wird dieser Weg wohl auch das ganze Regenwasser, aus dem Dorf, nach unten bringen.

Beim Abstieg werden mehrere Bäche überschritten. Dann führt mich der Wegweiter immer weiter abwärts. Es geht etwa 4 km über schmale Bergpfade, mit schöner Aussicht. Immer weiter führt der Pfad abwärts, bis „Molinaseca“. Bevor ich nach „Molinaseca“ komme, steht rechts, an der Landstraße, die Pfarrkirche „Parroquia de San Nicolas de Bari“.

Ich gehe jedoch weiter und überschreite eine schöne Brücke, über den „Rio Meruelo“ und gelange dann auf die „Sirga peregrinal“, die Calle Real. Ich wandere langsam durch den Ort. Etwas außerhalb des Zentrums gibt es die „Albergue Avenida Fraga“, in einer ehemaligen Kirche. Hier gibt es im Sommer auch Notbetten für die Pilger die dann allerdings draußen stehen.

Vor der Kirche sitzen zwei junge Mädchen, die sich auf dem Jakobsweg kennen gelernt haben und schon seit einiger Zeit, den Weg gemeinsam gehen. Die Eine ist die, die ich bereits in „Ages“ getroffen hatte und welche mit der Kindergitarre, im Rucksack wandert. Die Zweite ist Lisa, ein Mädchen, dass jetzt, zuerst über den „Camino“ und anschließend, mit ihrem Freund, nach Indien reisen will, um dort zu überwintern. Sie haben hier, in der „Albergue“ übernachtet und machen sich nun langsam auf den Weg.

Nach diesem kurzen Plausch, gehe ich auch weiter und erreiche bald die Passhöhe. Ab hier bleibe ich auf der Landstraße und wandere noch ca. 8 km nach „Ponferrada“ hinein. Da ich schon einmal hier war, ist es kein Problem, die „Albergue San Nicolas de Flüe“ zu finden.

Die „Albergue „ ist allerdings noch nicht geöffnet. Der schöne Innenhof, der Herberge, ist jedoch offen und die Pilger können sich dort etwas ausruhen.

Hier treffe ich einen Pilger wieder, der in „Fromista“ auch unter einem geschwollenen Schienbein litt. Ich half im damals mit meiner Voltaren-Salbe aus. Getreu dem Motto: „Auf die Zähne beißen und durch!“ ist er auch bis hier gekommen. Auch die Hamburgerin kommt gerade rein. Da kann die Schweden-Auswanderin nicht weit sein. Und da kommt sie schon. Es ist hier, auf dem Jakobsweg so. Man läuft sich immer wieder über den Weg.

Es ist jetzt 12.oo Uhr. Hier steht im Innenhof eine Säule, in der die restliche Entfernung, bis „Santiago de Compostela“ eingemeißelt ist. Es sind noch 202,5 km. Also, wenn man den restlichen Weg außer Betracht lässt, nur noch ein Katzensprung. Um 12.45 Uhr gehe ich weiter.

Da ich von einer anderen Seite gekommen bin, gehe ich zuerst noch an der berühmten Templer-Burg vorbei. Im vergangenen Jahr, war die Burg, wegen Instandsetzungsarbeiten noch teilweise eingerüstet. Die Gerüste sind jetzt weg und ich mache paar Fotos. Danach gehe ich nun in die Stadt hinein.

In einem Sportgeschäft kaufe ich mir neue Socken. Dann folge ich den Pfeilen, die hier in der Stadt, in einem goldenen Farbton, den Pilgern die Richtung weisen, um meinen Weg fortzusetzen. Da laufen mir wieder die 2 Mädchen über den Weg und fragen mich, ob ich sie mitnehme, aus der Stadt hinaus. Kein Problem. So ziehe ich jetzt mit 2 Mädchen durch die Stadt, die meine Enkelkinder sein könnten.

Zunächst geht es über die Plaza del Ayutamiento, bald nach links, eine steile Treppe hinunter und zur Brücke, über den „Rio Sil“. Im nächsten Supermarkt will Lisa noch einkaufen. Die Kleine, mit der Gitarre, (spricht nur Englisch) will nicht. Ich hole mir hier noch ein Baguette und ein paar Dosen Cola. (Doping-Mittel) Im Supermarkt verlieren wir uns jedoch dann schon aus den Augen.

So gehe ich alleine, weiter zur Stadt hinaus. Am Stadtrand, bevor ich nach links abbiege, komme ich noch an einem Gedenkstein vorbei. Hier ist eine Italienerin ums Leben gekommen. Dahinter gehe ich nun nach links, immer an der Straße folgend. Hier finde ich eine Hilfsstation mit einem roten Kreuz. Hier gehe ich hinein und lasse mir den kleinen Finger von einer Ärztin behandeln und neu verbinden.

Meine zwei Mädchen laufen wieder auf und wir gehen noch ein Stück zusammen. Da sie aber schneller gehen, als ich und heute noch bis „Cacabelos“ wollen, ich aber nach Möglichkeit irgendwo, in den nun kommenden Dörfern bleiben will, verabschieden wir uns. Wir wünschen uns „Buen Camino Peregrino“ und jeder geht seinen Weg.

Dann ziehe ich weiter. Hinter der Erste Hilfe-Station rechts und dann gleich links, durch einen Torbogen, in einen Park hinein. In diesem Park befindet sich eine schöne Kapelle „Santa Maria de Compostilla“. Hinter dem Park überquere ich die Landstraße und gehe dann eine Asphaltstraße hoch, nach „Columbianos“. Hier steht die „Iglesia de San Esteban“. An dieser Kirche gehe ich rechts vorbei und den Berg hinunter, zur Vorstadt von „Ponverrada“, vor der ich zuerst die Schnellstraße überqueren muß. 

Ich gehe noch weiter und erreiche bald das Dorf „Fuentes Nuevas“. Hier gibt es schon mal keine Herberge. Ich gehe im Dorf mal nach rechts, anstatt gerade aus, wie es die Wegweiser zeigen und sehe dadurch ein paar schöne Skulpturen und Gebäude, die ich sonst nicht gesehen hätte. Da ich aber keine gelben Pfeile mehr sehe, weiß ich, dass ich falsch bin und gehe lieber zurück. Dann an der „Ermita Domino Christo“ nach rechts. Nun bin ich wieder auf dem „Jakobsweg“ und wandere weiter.

Ich wandere zwischen Feldern und Gärten einher, ohne besondere Höhepunkte, immer auf der Landstraße. So erreiche ich „Camponaraya“. Hier gibt es, laut Wanderführer, eine städtische Herberge. Leider ist das eine Falschmeldung und ich muß, nach einer kurzen Pause weiter ziehen, nach „Cacabelos“.

Gut 1,5 km zieht sich das Dorf, an dieser Hauptstraße entlang, bis am Ende, der Jakobsweg links, auf eine Piste übergeht, an deren Anfang ein Pilgerrastplatz angelegt wurde. Ich gehe zwischen Bäumen, die rechts und links, an diesem Rastplatz stehen vorbei und den Berg hoch. Dabei überquere ich, auf einer Fußgängerbrücke, die Autobahn. Ab hier verläuft der Weg jetzt zwischen Weinfeldern. Die Winzer sind dabei, die Weintrauben zu ernten. Nach ca. 3 km überquere ich wieder die Landstraße und wandere dann weiter, durch die Felder, nach „Cacabelos“. Gegen 18.oo Uhr habe ich die „Albergue municipal Santuario de la Quinta Angustia“, am Ortsausgang von „Cacabelos“ erreicht.

Hier ist helle Aufruhr. Viele Pilger stehen hier davor und verstehen die Welt nicht mehr, denn die Herberge ist voll. Das gefürchtete Schild hängt heraus: „Completto“. Es ist eine schöne außergewöhnliche „Albergue“. Sie besteht aus 35 Zweibettkabinen, die rund um die Kirche „Santuario de la Quinta Angustia“, an der die Kirche umgebenden Mauer, angebaut sind.

An der Sakristeitüre, der Kirche, ist ein Karten spielender Jesus eingeschnitzt. Hat er also auch gezockt?

Lisa läuft auch hier herum. Sie hat sich aber schon zu helfen gewusst und hat sich mit den Bewohnern einer Kabine geeinigt. Sie kann bei ihnen, in der Kabine, auf dem Boden schlafen. Die Kleine, mit der Gitarre, ist noch nicht zu sehen. Ich traf sie, noch kurz vorher, als ich aus den Weinfeldern heraus kam und auf die Landstraße nach „Cacabelos“ abbog. Hier, an der Ecke, hatte ein Anwohner, der hier ganz alleine, auf weiter Flur sein Haus hat, in der Garage einen kleinen Wein-Verkaufsstand eingerichtet. Als ich dort ankam, schickte sich die Kleine, mit der Gitarre im Rucksack an, mit einem Pilger weiter zu gehen.

Nachdem ich dort eine Dose Cola getrunken habe, gehe ich weiter und sehe weit vor mir, unterhalb des Berges, die Kleine und den Pilger bereits gehen. Das war das letzte Mal dass ich sie gesehen habe.

In „Santiago de Compostela“, in der Anmeldung, in der Klosterherberge, in der ich übernachtet habe, stand ihr Rucksack, mit der Gitarre. Wo sie aber abgeblieben ist, weiß ich nicht. Es konnte mir auch keiner sagen, warum ihr Rucksack dort alleine stand.

Die Hospitalera in der überfüllten „Albergue municipal Santuario de la Quinta Angustia“ erklärte mir, wie ich zum nächsten Hotel komme. Also hielt ich mich dann nicht mehr lange auf und machte mich auf den Weg, zurück in die Stadt. In der Nähe der Hauptkirche, der „Iglesia de Santa Maria“, bekam ich dann, in der Casa Molina, ein Zimmer.

Nachdem ich geduscht hatte und wieder frisch war, musste ich nochmals in die Stadt. Denn in „Ponferrada“ konnte ich, im Sportgeschäft, keine passenden Socken bekommen. Jetzt wollte ich hier mein Glück versuchen. Schon im ersten Laden bekam ich sie. Da ich vergessen hatte, mir in der „Albergue municipale Santuario de la Quinta Angustia“ einen Stempel, ins Credencial stempeln zu lassen, ging ich noch einmal hin, um dies nach zu holen. Auf dem Weg dorthin, komme ich an einer uralten Traubenpresse vorbei, die ich natürlich, als Foto, im Bild festhalte. Um zur Herberge zu gelangen, muß man die Brücke, über den „Rio Cua“ überqueren.

Es ist jetzt mittlerweile 19.3o Uhr und wer steht wieder einmal vor der vollen Herberge? Richtig! - Die Frau, die immer als Letzte kommt. Sie weiß nicht, wo sie hin soll. Also sage ich ihr, dass ich mir zuerst den Stempel holen möchte und sie dann mitnehmen würde, in die Stadt, zum Hotel. Da seien bestimmt noch Zimmer frei.

Da im Anmelderaum, der Herberge, Niemand war, wartete ich etwas und stempelte mir dann den Stempel selbst ins Credencial. Als ich wieder nach draußen komme, ist die Pilgerin schon weg, in Richtung Stadt. Ich hatte ihr den Weg vorher erklärt. Da sie es immer langsam anging, holte ich sie kurz vor der Casa Molino ein.

Der Wirt war im Moment nicht da. So lud ich sie zu einem Cafe con Leche ein. Dabei erzählte sie mir, sie hätte ihre Familie nicht anrufen können. Die Telefonkarte, im Handy, sei leer. Sie hätte 60,00 € Guthaben gehabt, das wäre weg. Sie wusste nicht, dass die Gebühren, wenn sie im Ausland angerufen wird, ab der Grenze des Gastlandes, hier Spanien, zu ihren Lasten gehen.

Ich gab ihr mein Handy, damit sie anrufen konnte. Sie hatte nochmals Pech. Es war Niemand zu erreichen. Dann erzählte sie, sie habe zwar Heimweh, wolle aber unbedingt nach Santiago.

Dann erzählte sie weiter, sie selbst habe vor 2 Jahren einen Gehirnschlag erlitten. Alle Bekannten, Verwandten und vor allen Dingen, ihre nächsten Angehörigen, hätten ihr dringend von dieser Pilgerreise abgeraten. Ich merkte ihr an, wie stolz sie war, dass sie nun schon bis hierher gekommen ist. Sie betonte auch, nachdem ich ihr sagte, mir sei aufgefallen, dass sie immer als Letzte, in den jeweiligen Herbergen angekommen sei: „Aber ich komme an!“

Dann erzählte sie mir, dass sie zu Hause, für ihren Mann, Essen auf Rädern, bestellt habe. Auf meine Frage: „Warum?“ Erzählte sie, er sei Gemütskrank und dadurch bedingt, schon Frührentner.

Dann kam der Wirt und sie erhielt ihr Zimmer. Sie war froh, sich ausruhen zu können, denn sie war ja heute, auch schon die 31 km von „El Acebo“ bis hierher gegangen. Wenn auch etwas langsamer, als die meisten Anderen.

Ich habe mir dann noch etwas die Stadt angesehen, insbesondere die schöne Pfarrkirche. Danach habe ich im Lokal, bei einem Bier, mein Tagebuch geschrieben. Spätestens um 22.oo Uhr, nachdem ich meiner Helga, zu Hause, von diesem Tag berichtet hatte, lag ich im Bett.

Da ich im Hotel war, brauchte ich mich am anderen Tag nicht so zu beeilen und nahm mir vor, einmal lange zu pennen.